Schneiderinnen kompetent ausgebildet

Von den 50er bis Ende der 70er Jahre galt das Anna-Katharinenstift als die Top-Adresse für eine Schneiderlehre. Hier erlernten junge Frauen aus der Dülmener Umgebung das Handwerk von der Pike auf, zum Beispiel mit Maßanfertigungen für Damenbekleidung. 1973 absolvierte die Dülmenerin Agnes Leiermann, geborene Roß, ihre Lehre zur Damenschneiderin im Anna-Katharinenstift. Sie berichtet, dass die Nähmaschinen im großen Raum hintereinander standen: „Wir schauten nicht nach rechts und links und vor allen Dingen durften wir während der Arbeit nicht sprechen. Heimlich reichten wir uns Zettelchen hin und her. Im Radio lief der Schulfunk – für die damaligen Verhältnisse ein moderner Sender. Wenn die Themen zu heikel wurden, zum Beispiel wenn es um Sexualität ging, drehte die Schwester schnell am Knopf des Radios und es tönten Operetten und Musicalmelodien aus dem Lautsprecher“, erzählt Agnes Leiermann und findet, sie habe in ihrer Ausbildung viele Operetten und Musicals kennengelernt hat.

Die Ausbildungsverhältnisse schienen sich fast 20 Jahre lang nicht verändert zu haben. Denn schon 1954 schrieb eine Praktikantin in ihren Bericht, der im Archiv der Einrichtung hinterlegt ist: „Vom kleinen Nähzimmer wechselte ich über zur Lehrlingswerkstatt, zur gesunden Jugend. Ein langgestreckter Raum mit Tretmaschinen und einigen Spezialmaschinen bietet ungefähr 20 Lehrlingen Platz. Neben einer Schwester, die ausgebildete Schneidermeisterin ist und die Oberaufsicht führt, gibt auch eine Gesellin auf Fragen oder Unklarheiten die nötigen Anweisungen. Der Berufsschulunterricht, der ihre Kenntnisse noch erweitert und der zur Lehre notwendig ist, wird einmal in der Woche von einer Schwester erteilt, die entsprechend vorgebildet ist. Er umfasst neben Berufs-, Fach- und Bürgerkunde auch Zeichnen, Rechnen, Sachkunde und modische Beratung. Ich konnte auch ein wissenschaftliches und politisches Interesse feststellen. Im Nähzimmer war nämlich ein Radioapparat angeschlossen, dessen Sendungen die Mädchen eifrig verfolgten. Keinen Tag wurden der Schulfunk und die Nachrichten verpaßt, denn beides interessierte neben musikalischen Darbietungen am meisten. Jede versuchte, möglich leise die Maschine zu treten, um nicht beim Zuhören zu stören.“

 

In den 70er Jahren stellten die Schwestern ihren großen Nähsaal der Kreisberufsschule für die Gesellenprüfung zur Verfügung. Agnes Leiermann beendete damals ihre Ausbildung mit Auszeichnung. „Eines Tages wurde ich in das Büro von Schwester Irmtrud gebeten. Sie hatte gehofft, dass ich in den Orden eintrete. Aber dann hörte sie, dass ich gerne feierte und dann würde das ja wohl nix“, lacht die heute 63-jähige Dülmenerin. Die Schwestern waren immer bemüht, Nachwuchs für ihren Orden zu werben. Gern denkt Agnes Leiermann an ihre Lehrzeit zurück. Mit der weltoffenen Schwester Friedwine unternahmen die Lehrlinge Ausflüge und wenn die Schwester von ihrem Leben in Berlin erzählte, nannte sie es „Lebenskunde“. Früher gab es durch das große Engagement der Schwester sogar regelmäßige Lehrlingstreffen. Zu einigen ihrer Kolleginnen hat Agnes Leiermann bis heute noch Kontakt. (Von Heidrun Schlerkmann)

Info:

Das Anna-Katharinenstift ist aktuell Ausbildungsstätte für Heilerziehungspfleger berufsbegleitend und im Berufsanerkennungsjahr sowie für Pflegefachmann/-frau. Alle zwei Jahre wird ein Auszubildender für den Beruf des Kaufmanns für Büromanagement eingestellt. Die Einrichtung bietet zudem jederzeit Plätze für Freiwilligendienste.