Männer im Anna-Katharinenstift Karthaus

1989 eine kleine Sensation – 2021 völlig normal

Matthias Mersch war der erste männliche Bewohner im Anna-Katharinenstift. Mit gerade mal 22 Jahren zog er im Februar 1989 in die noch von den Ordensschwestern geführte Einrichtung. Das war damals eine kleine Sensation. Denn als das Anna-Katharinenstift 1921 vom Sozialdienst katholischer Frauen gegründet wurde, war es eine Einrichtung von Frauen für Frauen. Während das Anna-Katharinenstift im Laufe der Jahre zur Einrichtung der Behindertenhilfe wurde und die Werkstätten gründete, veränderten sich Einstellung und Moral in der Gesellschaft. Menschen mit Behinderung erhielten mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Rechte. Dennoch gab es auf der Karthaus weiterhin nur wenige männliche Mitarbeiter.

 

„Wir bekamen Männer eher selten zu Gesicht. Auf Geheiß der Ordensschwestern sollten wir uns von ihnen fern halten“, berichtet eine Bewohnerin im Buch ‚Sturmallee‘. Frauen und Männer, die hauptsächlich als Landwirte oder Handwerker am Stift arbeiteten, wurden im Alltag streng getrennt. Bei den Mahlzeiten gab es beispielsweise getrennte Speiseräume. Der ehemalige Verwaltungsleiter Werner Schonrath erinnert sich: „Damals erhielten die Männer auch immer größere Portionen als die Frauen. Es gab ein Herrenzimmer, in dem nur männliche Besucher empfangen wurden. Der Priester bekam dort nach dem Gottesdienst immer ein Frühstück.“ 1972 wurde laut der Chronik zum ersten Mal gemeinsam mit weiblichen und männlichen Mitarbeitern ein Betriebsausflug unternommen.

 

Mit dem Neubau der Werkstätten und entsprechender Gesetzesänderungen mussten nun auch männliche Beschäftigte aufgenommen werden. Matthias Mersch startete nach seiner Schulzeit 1985 in der Schreinerei der Werkstätten Karthaus. Aufgewachsen ist er im Kinderwohnheim, in Dülmen. Dort musste er nach seiner Ausbildung ausziehen. Doch wo sollte der junge Mann, der zu diesem Zeitpunkt nicht alleine leben konnte, wohnen? Das Anna-Katharinenstift war ja bis dahin eine Einrichtung nur für Frauen.

 

„Wir haben viele Gespräche geführt, um auch den Träger davon zu überzeugen, männliche Bewohner aufzunehmen“, berichtet Werner Schonrath. 1989 zog Matthias Mersch als erster Mann in ein eigenes Appartement über den Freizeitbereich. In der Chronik steht: „Mit Beginn des Jahres 1989 nehmen wir in unserem Wohnheimbereich auch Männer aus dem Einzugsbereich unserer WfB auf, falls sie unserer Hilfe bedürfen. Der erste junge Mann kam am 1. Februar zu uns; noch ist er allerdings alleiniger ‚Hahn im Korb‘“.

 

Günter Breitkopf, einer der Erzieher, erinnert sich an den ruhigen und etwas schüchternen jungen Mann: „In der ersten Zeit hat Matthias wenig gesprochen oder erzählt. Doch das änderte sich bald.“ Kurze Zeit später zogen zwei weitere Männer ins Stift. Die Wohnungen wurden zu klein und so entstand im Haus Weddern – heute die Außenwohngruppe Lukas – die erste Männergruppe. Von den Bewohnerinnen erhielten die Herren viel Aufmerksamkeit und wurden umschwärmt. Sie fühlten sich sehr geschmeichelt.

 

„Plötzlich taten sich ganz neue Interessenfelder auf. Wir machten zum Beispiel einen Ausflug zum Flughafen Düsseldorf und besichtigten dort die Feuerwehr. Jagdhütten in Winterberg wurden interessant“, erzählt Günter Breitkopf. 2005 gab es schließlich den ersten Männertag im Stift mit dem Thema ‚Wikinger‘. Es nahmen 40 Bewohner aus dem Bereich Wohnen und 20 externe Beschäftigte der Werkstätten Karthaus teil. Nun gab es bereits drei reine Männergruppen. Ein Männerstammtisch wurde eingerichtet. Die Themen Freundschaft, Liebe, Sexualität spielten eine neue Rolle. Die Wohngruppen entwickelten sich zu gemischten Lebensgemeinschaften. Paare dürfen zusammenwohnen. Heute leben 92 Männer in der Einrichtung. Matthias Mersch erinnert sich: „Ich war froh, dass ich damals hier einziehen durfte, als ich aus dem Kinderheim ausziehen musste und hier ein neues Zuhause gefunden habe.“ Er lebt heute mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung in ambulanter Betreuung.

(Von Heidrun Schlerkmann)