Die Sturmallee – Geschichte mit Licht und Schatten

Bis weit in die 70er Jahre herrschten in der Gesellschaft andere Sitten und Regeln als heute. Das galt nicht nur in Heimen, Erziehungsanstalten und Schulen. Strenge Regeln, Maßregelungen und auch Bestrafungen der damaligen Bewohnerinnen gehören auch zur Geschichte des Anna-Katharinenstifts. Seit den 1990er Jahren haben Mitarbeitende mit betroffenen Bewohnerinnen angefangen, sich mit Unrechtserfahrungen auseinanderzusetzen und vieles aufgearbeitet. 2011 entschuldigten sich Träger und Einrichtungsleitung öffentlich für die Gewalterfahrungen, die Bewohnerinnen in ihrer Vergangenheit vor Ort erleben mussten. Bei der Veranstaltung „Erinnern ist besser als Verschweigen“ am Pfingstmontag 2011, dem Jahr des 90-jährigen Bestehens,  errichteten sie gemeinsam auf der Insel am Teich ein Mahnmal mit kantigen Steinen als Symbole für Bestrafungen, Gewaltübergriffe, Beschämungen und Täuschungen. In dem Buch „Sturmallee“ – ein Herzensprojekt der ehemaligen Gesamtleiterin  Annelie Windheuser – sind zahlreiche Geschichten verewigt. „Wir haben die Frauen ermutigt, ihre Geschichte zu erzählen. Das Buch war ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der Vergangenheit“, sagt Annelie Windheuser. Christine Steyer (…2019) erzählt in dem Buch von ihrem Erlebnis und gibt damit prägende Erfahrungen der Frauen aus der älteren Generation wieder:  

 

„Strafraum“ – was für ein schreckliches Wort. „Zelle“ nannten wir Frauen den Ort, wenn wir uns untereinander darüber unterhielten. Aber egal, welches Wort man dafür benutzte, jede wusste sofort, welcher Raum im Anna-Katharinenstift damit gemeint war. Ganz oben unterm Dach des Südflügels, eng und niedrig, abgeschieden von jeglichem Leben der Wohngruppen, ausschließlich mit einem Stuhl in der Mitte und einem Eimer für die Notdurft eingerichtet, verschlossen durch eine massive dunkelgrau gestrichene und an vielen Stellen völlig zerkratzte Holztür, war „er“ dafür vorgesehen, „unartige“ Mädchen und Frauen zur Räson zu bringen. Die Erinnerung daran erschreckt mich noch heute, dass sich mir die Haare sträuben. Jetzt, da ich alt bin, sind meine Erinnerungen und mit ihnen die Schrecken des Raumes verblasst.

 

(…) Es war an einem Wochenende. Ein Mann, der mir völlig unbekannt war – vielleicht ein Verwandter einer anderen Bewohnerin – betrat den Raum. Er musterte mich von oben bis unten und sagte: „Mann, hast du aber einen Schmierbauch.“ (…) Schockiert über seine Unhöflichkeit platzte es aus mir heraus, noch bevor ich über meine Wortwahl nachdenken konnte: „Na und?! Dafür hast du einen dicken Bierbauch!“ Das Lachen des Mannes verstummte schlagartig. Sein Kopf wurde rot. Er verließ wortlos das Zimmer. Zu meinem Unglück saß eine Schwester in der Nähe. Sie war erbost über meine spontane Reaktion. „Christine, so geht man mit Gästen nicht um!“, herrschte sie mich an. (…) „Über deine Uneinsichtigkeit kannst du jetzt einmal ein paar Stunden im Strafraum nachdenken!“ Sie packte mich am Arm und schleppte mich zur gefürchteten Zelle. Bleiern fiel die Tür ins Schloss. (…) Meine Schuld habe ich bis heute nicht eingesehen, denn durch meine Reaktion war ich mit dem Mann quitt. Aber das Gefühl, durch die Schwester ungerecht behandelt worden zu sein, ist mir geblieben.

 

Info:

Neben der Aufarbeitung und Offenlegung innerhalb der Einrichtung, schilderten 83 Bewohnerinnen ihre Erlebnisse aus ihrer Jugendzeit bei der Stiftung Anerkennung und Hilfe. Die Gespräche mit den mittlerweile älteren Bewohnerinnen wurden gut vorbereitet und begleitet. Denn es war wichtig, Erfahrungen zu schildern, ohne die Betroffenen durch die Erinnerung zu „retraumatisieren“. Die Bewohnerinnen erhielten daraufhin Geldleistungen und nahmen an einer Gedenkveranstaltung im Landtag teil. Die Stiftung wurde 2017 von der Bundesregierung, den Ländern und der evangelischen und katholischen Kirche ins Leben gerufen. Es handelt sich um ein Hilfesystem für Menschen, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit zwischen  1949 und 1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. zwischen 1949 und1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben und heute noch an Folgewirkungen leiden.